Dienstag, 4. Dezember 2007

Sonntag, 2. Dezember 2007

Der Text auf der Dose des ‘Strawberry Milk Drink’ lautet “Enjoy the taste to the full”. Ich gebe mir Mühe. Da heute nacht mal wieder viel gebohrt wurde, habe ich nur wenig geschlafen und werde Cao Meng deswegen nicht wie erst abgesprochen um 10:00, sondern um 14:00 in Zhong Guan Cun treffen. Der Taxifahrer versteht zwar die Strasse, bloss vertue ich mich wohl beim Verdeutlichen von Nord und Süd, denn erst nachdem ich die Schriftzeichen auf dem Laptop zücke weiss er, wohin er fahren soll: das Haidian Theater. Dort warten Cao und seine Freundin auf mich. Wir betreten das Silicon Valley Chinas, und zwischen Glaspalästen bahnen wir uns einen Weg zu den Kaufhöllen dieses Distrikts. Wir suchen einen Internetadapter für meinen Mac, bloss stellt sich heraus, dass diese nicht nur teuer sind, sondern auch nicht so einfach zu finden. Resumé: Ich beschliesse, dass doch die Telefonleitung der beste Weg ist, und Sun soll sich um das Herumgeeiere der Wohnungsfirmen kümmern.
Ich mache mich anschliessend auf den Weg zu Toni & Guy, und mit dem Stossverkehr und der Subway schaffe ich es, nur 10 Minuten zu spät anzukommen. Keiner ist böse, sondern ich werde mit gaffenden Blicken durch sowohl Mitarbeiter als auch Kunden angeschaut. Eine hyperventilierende britische Friseusin neben mir gackert oberflächliches, und ich werde durch Creative Stylist ‘Toro’ stylisiert während ich meinen besten, uninteressierten Modelblick aufsetze, damit ich mein neues Image etablieren kann. Das ganze scheint zu funktionieren, denn ich ernte neidische Blicke auf mein blondes Haupt.

Nachdem diese Episode kindischen Leichtsinns vorüber ist mache ich mich auf den Weg zur Universität, da ich Timmy versprochen hatte, ihm bei einer Aufnahme eines Konzerts zu helfen. Sun textet mir, ob ich mit ihm essen gehe, da ich aber wie gesagt keine Zeit habe lade ich ihn ein zum Mitkommen. Er willigt ein, und so finden wir uns alle mit einem zusätzlichen Studenten aus dem dritten Jahr, Cai, im “Studio” des kleinen Konzertsaales wieder. Ich verdrücke mich erst einmal auf die Toilette, jedoch nicht bevor Timmy mir eine Packung Tissues organisiert, da in China WC-Papier selbst mitgebracht werden muss. Ich geniesse die Vor- und Nachteile des nicht abschliessbaren ‘Squat-toilet’, auf welche ich hier jedoch nicht näher eingehen möchte. Die Aufnahme verläuft äußerst witzig, denn nicht nur haben die Lieben links und rechts vertauscht, auch ist die CD 2 Minuten vor Ende des Konzerts voll. Aller Anfang ist schwer...

Das Restaurant der Uni hat schon geschlossen, sagt die mampfende Gesellschaft Bedienender und Köche an den Tischen, und auch obwohl die Mädels grinsend Teacher Fischer erkennen verdrängt wohl der Überlebensinstinkt den Bedienungsinstinkt, und so müssen wir anderswo weitersuchen. Da ja der Rest schon gegessen hat überredet man mich zum Sündigen beim KFC, und ich willige mal wieder ein. Ich schlinge das Zeug hinunter, und da Sun sich nicht wohl fühlt machen nur Cai, Timmy und ich uns auf den Weg zur Bar, in der Timmy und ich schon mal mit Liu und Qin waren. Dort freut sich die weibliche Bedienung in ihrer knappen Carlsberg-uniform über das Wiedersehen, und ich zücke sogleich mein weisses Hemd, damit wir in einheitlicher Farbe gehen können. Leider ist sie jedoch sehr beschäftigt mit Herumstehen, und so widmen wir uns gezwungenermassen der Band, nachdem das Unterhalten durch das an die Schmerzgrenze gehobene Schalldruckniveau unmöglich gemacht wurde. Zum Glück gehen wir schnell in die ruhigere Opiumhölle, wo wir entspannt verweilen, bis der Chef persönlich eintritt und sich zu uns setzt. Es entfaltet sich eine abgefahrene Geschichte. Er ist Akkordeonist und teilt uns mit, dass ihm eigentlich die Musik “da draussen” im Lokal gar nicht gefällt, aber die Kunden wünschen diese – ihm gefällt Jazz und Klassik viel besser. Während wir da so sitzen, rennt die Bedienung hin- und her, um uns Bier bereit zu stellen, die Flaschen zu öffnen und nachzugiessen. Der Boss erzählt ernsthaft und mit zelebrierender Stimme weiter, und alle schauen ihn gebannt an. Plötzlich dreht er sich um und schreit den Laufjungen zu uns, er muss sich hinstellen und sein Boss gibt ihm Anweisungen. Langsam wird es still, der Inhaber dreht sich zu uns zurück, und der Laufjunge fängt an, eine leise Melodie zu singen, die sich steigert und steigert. Nach einer knappen Minute füllt des Jungen Stimme ähnlich eines wiederauferstandenen Pavarotti den ganzen Raum, sodass die laute Musik aus der Bar schon nicht mehr zu hören ist. Nach der letzten Note schreit der Boss den Jungen an, die Stimme sei nicht das Problem, aber es gäbe keine Liebe aus dem Herzen!! Man müsse lieben, fühlen, erleben was man singt. Noch einmal!! Der arme Bube zittert und setzt erneut an, dieses Mal mit wahrer Emotion, und sein Lehrer wird zufrieden. Der Junge darf wieder Bier herumschleppen, und der Boss schaut mich an mit seinen Schlangenaugen und fragt mit rauher Stimme “you like vodka?”. Ich nicke nur und wir beenden den Abend indem wir uns alle zusaufen.

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