Donnerstag, 6. Dezember 2007

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Ich bleibe solange es möglich ist im Bett liegen, denn obwohl ich gut geschlafen habe und keiner gebohrt hat ist es nötig. Sobald ich wieder stubenrein bin fahre ich mit dem Taxi noch einmal nördlich zum China Conservatory, da Cao Meng mir heute das gestern verschlossene Studio zeigen wird. Dieses, so stellt sich heraus, ist wirklich gut und hat mal wieder zu viel Geld vom Staat bekommen. Es tummeln sich daher die unmöglichsten Geräte und Maschinen überall, bloss aus irgendeinem Grund fällt keinem ein, gute Lautsprecher zu kaufen. Das hunderttausende Euros teure Mischpult samt digitaler Kreuzschiene und Distributionssystem ist noch nicht verkabelt, aber es steht trorzdem schön im Abhörraum 1. Es sollen noch 3 bis 4 andere Regieräume folgen, und im neuen Anbau mit 2 neuen Konzertsälen werden rund Februar auch nochmal 3 Räume eingerichtet... Ich überlege mir, in welchem Film ich gelandet bin, und Cao und ich verlassen den Komplex, um bei einer Aufnahme von Professor Li in der Beijing Concert Hall vorbeizuschauen.

Erst jedoch fahren wir bei einer Probe vorbei, denn Cao Meng wird morgen eine Aufnahme machen müssen. Das kleine Theater befindet sich auf dem großen Gelände mit dem Namen Qi Jiu Ba, oder 798 für uns Nichtchinesen. Dieses ist ein altes Industriegelände, wo in den vielen Gebäuden kleine Kunstgallerien und solches aufgemacht haben. In einem dieser befindet sich ein Raum, der als Minitheater oder Konzertraum fungiert. Ich fühle mich versetzt in einen alten Alptraum voller Kabale und Liebe, und um mich herum hüpfen Licht- und Tonleute während eine Musikerin ungestört nervige Hippieklänge auf ihrem Instrument hervorzaubert. Zum Glück verlassen wir das Schauspiel bald, nicht aber nachdem ich Cao Meng 'advice' gegeben habe. Da es schon nach Mittagszeit ist muss gegessen werden, und wir finden ein Restaurant, wessen Menükarte einiges verspricht: “The braised eggplant rice king” sowie “Chicken incense peas together” sind hier erhältlich, Knüller ist aber sicherlich “Bacterium with chicken”. Ich habe es mal lieber nicht bestellt.

Die Taxifahrt zur Beijing Concert Hall dauert lange, denn es gibt Stau. Wir kommen etwas müde an, schauen bei der Aufnahme vorbei, und stellen fest, dass vor allem Professor Lis Studenten die Arbeit machen. Er selber und der Komponist sitzen mit Partitur und hören zu und geben Kommentare an das Orchester. Die 4 Mikrofone vor dem Orchester stehen erstaunlich weit auseinander und ich bin glücklich, dass mich heute keiner nach meiner Meinung fragt. Professor Li fragt mich noch, ob ich Plug-ins kenne, die Rauschen entfernen können, und ich gebe Antwort. Da er mir diese Frage schon im September gestellt hat begreife ich sie zwar nicht, aber möchte hilfsbereit sein. Cao Meng und ich trennen uns wieder, und ich mache mich auf den Weg nach Hause.

Rund 18:00 hat Sun mich gebeten, ihm bei einer Konzertaufnahme eines Gesangabends zu helfen, und ich gehe bei der Uni vorbei. Dort treffe ich auch zwei Mädchen aus dem 2. Jahr, die neben Kabel aufrollen vor allem viel herumhüpfen und –grinsen. Der Computer ist kaputt, und Sun muss einen Lehrer anrufen, da er den CD-Rekorder haben will, der hinter verschlossener Tür steht. Ich stelle Mikrofone für Sun und erkläre ihm einen Knoten, damit die Kabel besser hängen und das Mikro nicht heruntergezogen werden kann. Sun rennt mit dem CD-Rekorder herein und kurz vor Anfang funktioniert alles. Ich höre mir das noch kurz an, muss dann aber Dang Shan (“Jenny”) treffen, da ich dem Universitätsblasorchester zuhören möchte. Beim Hereinkommen stoppt der Dirigent die Probe und möchte wissen, wer ich bin. Hände werden geschüttelt, Gesichter lachen und bevor ich mich versehe, werden mir CDs, DVDs, Bücher und eine business card überreicht. Das Orchester klatscht mir und ich soll auf dem gepolzterten Stuhl Platz nehmen. Die Probe schreitet voran mit einem Arrangement der Festivaloverture von Schostakowitsch. In der Pause kommen Dirigent und Manager auf mich zu, Finger werden geschnippst und eine dolmetschende Klarinettistin springt an meine Seite. Nette Worte werden ausgetauscht und alle sind sehr beeindruckt, dass ich den Komponisten eines ‘masterpieces’ kenne, Thomas Doss, und den Otto M. Schwartz. Ob sie denn das Stück für mich spielen dürfen? Oder ob ich es denn selber dirigieren möchte? Ich schaue Jenny ein wenig hilfesuchend an, aber sie bleibt in Entfernung sitzen und somit bedanke ich mich freundlich aber es wird wenigstens mein ‘advice’ erwartet. Ich willige ein, das Orchester wird zurückgepfercht und man spielt für mich. Jenny meint noch “I think I am fired” da sie nicht übersetzen durfte, aber ich beruhige sie. Nach Ende darf ich vor das Orchester und man schaut mich erwartungsvoll an. Ich versuche, den Dirigenten und das Orchester zu loben, aber auch ausführungstechnische Kritik zu geben, und nach lautem Applaus drehe ich mich um und verlasse mit Jenny im Laufschritt das Gebäude.

Bei Sun ist die Aufnahme noch am Laufen, aber kurz vor Ende, und danach gehen wir mit den beiden Mädchen noch essen, wobei sie mit vollem Enthousiasmus ihr spärliches Englisch üben. In der Kälte laufe ich wieder nach Hause.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hey Dirk!

Cooler blog, habe sehr gelacht!
Was fuer eine Ehre, als Erster einen Kommentar abzugeben... ;-)
China hört sich echt nach sex, drugs und R&R an, zumindest, wenn du deine Darstellung nicht dramaturgisch ins Unendliche uebertrieben hast. Noch viel Spass da - bleib weiter schreiben bitte!

Liebe Grüsse aus der Stadt ohne die blutjungen bildschoenen Asiatinnen,

Henning.