Dienstag, 27. November 2007

Dienstag, 27. November 2007

Liu Yi wird mich heute zu einer Aufnahme mitnehmen. Vorher gehen wir aber natürlich erst mittagessen. Leider scheint ihr Unterricht danach nicht stattzufinden, denn ich hätte gerne gesehen, was sie denn so an die Studenten erzählt. Wir fahren darum zusammen mit einem Studenten aus dem dritten Studienjahr zum Studio, aber müssen natürlich erst über ein Militärgebiet umfahren, und für die letzten 100m in ein anderes Auto umsteigen, mit welchen wir vor dem von aussen unscheinbaren Studio halten. Ich schaue mich noch um, aber die erwarteten illegalen Bombenkoffer sind nicht da, und so treten wir in das Gebäude ein, in dem sich wieder mal ein äußerst kurioses Schauspiel entfaltet. Ich werde einigen skeptisch schauenden Leuten vorgestellt, und Liu sagt mit freundlicher Stimme, das alle sich freuen werden, heute von Teacher Fischer lernen zu dürfen, wie man den in Europa aufnimmt. Noch nicht ganz sicher, was damit gemeint ist, lächele ich kopfschüttelnd “Nein, danke!”, aber bevor ich mich versehe, muss Liu plötzlich weg um zu unterrichten, und ich stehe alleine in einem ziemlich grossen Studio mit chinesischen Trommeln und zwei erwartungsvollen Studioassistenten, die mit Mikrofonen in der Hand und grossen Augen auf Anweisungen warten. Ich beschliesse, einfach mal mitzumachen, und höre mir das Getrommele an und schlage Mikrofonpositionen vor. Nach kurzer Zeit ruft jemand “Quickly, time is money!!” und so werde ich in den Abhörraum zurückbegleitet. Das ganze wiederholt sich mit einem ganzen Streichorchester, Chor und allerlei chinesischen Instrumenten, die hintereinander im Hochgeschwindigkeitstempo aufgenommen werden. Man scheint meine Meinung immer noch wissen zu wollen, denn jedesmal schaut man mich an und fragt “sound good?”. Ich nicke zustimmend, und so schlagen wir uns durch den Tag, an dem Leute hin- und herrennen und Geldscheine ausgetauscht werden. In der Zwischenzeit redet Timmy, der Student aus dem 3. Jahr, unaufhörlich auf mich ein.

Nach einiger Zeit kommt Liu zum Glück wieder zurück, und meint, es klinge ja gut heute. Wir beenden dann das ganze rund 21:00, und fahren zum Studio des teachers von Liu, der übrigens auch noch zwischendurch Trompete eingespielt hat. Dieses, so stellt sich heraus, ist ein beeindruckender Umbau mehrerer durchgebrochener Wohnungen, und hier wird eifrig gemischt und geredet. Liu schüttet noch ein Glas Wasser über das Mischpult des zweiten Studios, und unsere Versuche, das Kratzen beim Bewegen des Masterfaders zu beseitigen, glücken leider nicht. Mixermanteacher von Liu ruft uns zum Anhören, nachdem ich eine Stunde lang dem auch aufgetauchten Studioassistenten, Liu und Timmy allerlei aufnahmetheoretische Erklärungen gegeben habe, die zu ihrem Erstaunen nicht übereinstimmen mit ihren Lehrbüchern. Teacher ist ganz glücklich, denn so einfach sei das Mischen noch nie gewesen, und auch der Studioassistent ist beeindruckt, denn er versteht immer noch nicht, warum er selber nie genug Bass hat, wenn er das Streichorchester aufnimmt. In einem kollektiven Glücksgefühl wird Fischer eingeladen zum Bier, und wir fahren alle zusammen ohne Sicherheitsgurt mit 160 km/h durch Beijing, setzen den Assisten Zuhause ab, und kommen bei einer Bar an, die man nur über einen Hinterhof erreicht.

Drinnen hat jemand beschlossen, die live-Band derartig laut auszuverstärken, dass einem die Ohren platzen, aber das scheint die anwesenden Zuhörer nicht davon abzuhalten, lächelnd ihre Gläser zu leeren und grinsend den Ausländer anzuschauen. Ich befürchte schlimmes, aber da Liu sich ihre Ohren zuhält, und ich begleitet von Blicken make-up-zugeschmierter Gesichter in einen ruhigeren Hinterraum geführt werde, wird alles wieder gut. Der sehr hübsche Raum hätte in der alten Zeit auch gut eine Opiumhöhle sein können, aber das Bier schmeckt gut, und das Gespräch entwickelt sich. Der Teacher von Liu will, dass ich in Zukunft öfter Mikrofone verschiebe, und so ist das Ziel des Tages erreicht. Wir einigen uns, dass ich eine Demo-CD erstelle, damit Kunden überzeugt werden können. Beim dritten Bier wundert sich die apathisch gewordene Gesellschaft über meine Energie, und ich freue mich, im einzigen Land der Welt zu sein, in dem ich die Einwohner wegtrinken kann. Gegen 2:00 werde ich Zuhause abgesetzt, und mit einer ausgestreckten Hand und zum Schütteln einladenden “Fischer!” wird Abschied genommen.

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