Heute ist früh Aufstehen angesagt, um 8:00 kommen mich Sun und sein Bassistenkumpel abholen. Kurz nach 8 stehen die beiden beim dicken modernen Mazda des Bassisten samt Sportlenkrad unten vor dem Haupteingang. “We meet you other side of road”! Ah so! Good that you told me! How else would I have found you?
Der morgentliche Verkehr in Beijing ist mal wieder überwältigend, und der Fahrstil wie gewohnt mörderisch. Nachdem der Bassist einige Male beinahe Fahrradfahrern und Fußgängern das Leben geraubt hat kommen wir auf die grosse Strasse in Richtung Hou Hai. Eine halbe Stunde später biegen wir in den Hutong ein, in dem das Studio liegt und parken auf dem Gelände des sich später der Regierung angehörig herausstellenden Gebäudes.
Da der dritte Student der ersten Gruppe nicht auftaucht (da noch im Bett liegend), fange ich meinen Unterricht an. Die 4 grossen Augen, die mich anschauen, lenken mich nur schwierig ab von den anderen 4 Augen Frau Yangs und Cao Mengs, die beide andächtig zuhören und ausdruckslos weiter hinten im Studio hocken. Es stellt sich heraus, dass das Bildungsdefizit noch arger ist, als erwartet, darum ist es nicht so einfach, den richtigen Dreh zu finden. Ich versuche weiterhin, herauszufinden, was die Studenten denn so bisher gemacht haben, und wie ich erfahre ist dies im Grunde nichts. Da ich ja eigentlich auch nicht gewaltig vorbereitet bin versuche ich, zu retten, was zu retten ist. Es wird eine schwierige Stunde.
Die zweite Gruppe geht schon wesentlich einfacher, denn sie taucht gar nicht erst auf. Dafür ist die dritte um so netter, weil gefüllt von hübschen Chinesinnen, die bis auf ein paar Ausnahmen allesamt äußerst schüchtern gegenüber “Teacher Fischer” sind. Ich interpretiere das Wegschauen jedoch ein wenig unerfahren als Langeweile, und erzähle munter und angespornt fort. Das beförderte Gesprächstempo scheint einigen Schwierigkeiten zu besorgen, und es dauert nicht lange bis ein paar Studentinnen sich dann doch trauen, einzugreifen, und auf chinesisch umschalten. Am Ende der Stunde, in der nicht nur die Geschichte der Aufnahmeindustrie die Revue passierte, sondern auch die essentielle Frage “Warum?” gestellt wurde, wird dann doch endlich die wichtigste Sache geklärt: “Teacher, how old are you?”. Ich: “Hahaha, everybody wants to know!”. Mädchen: “Oh, please don’t become shy of it!” Ich: “I know I look very young, but in fact I am 43.”. Alle: “!?!?>!>>!??>?”. Nachdem ich den brechreizerregenden Dialog beende und mein echtes Alter verrate, grinsen alle zufrieden und wird die Stille durch einzelne “Oh!” gebrochen. Was folgt ist ein massales Speichern der Telefonnummer und e-mail Adresse von Teacher, und ein Grinsen meinerseits.
In der Zwischenzeit hat sich auf dem Parkplatz ein wahres Spektakel abgespielt, denn einer der Studenten wollte nur al zu eilig verschwinden, kratzte mit seinem Auto ein anderes, worauf der menschgeworden Toröffner das Tor geschlossen ließ und mit der geballten Faust auf den sich zu entfernen wollenden Studenten zurannte. Das wiederum hatte zur Folge, daß das halbe Gelände gefüllt war von Schaulustigen und verwirrten Leuten, die mit fragenden Gesichtern dem noch immer herumschreienden und –rennenden Toröffner zuschauten. Etwas später gingen Sun und ich dann Mittagessen, was in einem typischen Beijingrestaurant leider auch schreiende Menschen mit sich bringt – diese werden dafür jedoch bezahlt und meinen es sei Kundenfreundlichkeit, alles drei mal zu wiederholen und zwar auf einer Lautstärke, dass wahrscheinlich auch der alte, noch herumrennende menschgewordene Toröffner im Hutong fünf Strassen weiter es noch hören kann. Das ganze ist dann noch vor die Polizei gekommen, was natürlich dem Ansehen des Studios und seinen Gebrauchern sehr schadet. Wir hoffen, es hat keine Folgen für die Zukunft.
Die nachmittaglichen Unterrichtsgruppen verlaufen einfacher, und die letzte Gruppe sind nur zwei Personen, die andächtig zuhören, wobei aber nicht immer sicher ist, dass sie auch nur ein Wort verstehen. Der Junge bedankt und verabschiedet sich, das Mädchen schaut mich mit emotionslosem Gesicht an und sagt “Teacher, you are very tall and handsome”. Ich danke höflich, und nachdem ich mein Lachen ein wenig einhalten konnte, hören Cao Meng und ich uns Aufnahmen chinesischer Instrumente an. Kurz nach 18:00 laufen wir mit Frau Yang raus in die eisige Kälte, um mit Herrn Wang Essen zu gehen.
Das Abendessen verläuft sehr nett mit Herrn Wangs einmaliger Kombination deutscher und englischer Wörter, in die er sich immer weiter verfängt. Es wird ausserdem wieder mal deutlich, wie klassenorientiert die chinesische Gesellschaft ist, und so amüsiert man sich köstlich über die Dummheit der Bedienung mit der Krönung, dem Zählproblem eines der Jungen, der uns fünf Dessertknödel anreichen soll. Alles in Anwesenheit der betreffenden Personen natürlich.
Wang fährt mich nach Hause und unterwegs sprechen wir das gemeinsame Halten einer Vorlesung über Surroundaufnahmen im nächsten Jahr ab.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen